Hipsterland

Posted:  January 15th, 2016 by:  wolfram comments:  5

Mit der Zeit ist es so eine Sache. Völlig frei verfügbare Zeit nimmt ab und dies führt dazu, dass man sich genau überlegt, wo man sie investiert. Meine Zeit habe ich über viele Jahre in diesen Blog investiert. Als mehrfacher Papa haben sich die Prioritäten jedoch verschoben. Zudem hat der Blog zuletzt nicht mehr seinen eigentlichen Zweck erfüllt: den Austausch zu fördern.

Es gibt eine neue Generation Kaffee-Enthusiasten, das ist gut. Wild, den Kopf voller Ideen, einige davon neu und interessant andere – naja – nicht. Was sich jedoch verstärkt zeigt ist, dass ein Austausch mit dieser Generation nicht mehr gut möglich ist, da oft nicht erwünscht. Die Opas (dazu gehöre ich) gehören irgendwie ins Feindbild, deren Erbe ist überholt, man muss Dinge anders und neu machen. In keinem Fall darf man irgendwie abstammen, aufbauen auf Vorhandenes. Man hat Dinge selbst von der Ursuppe bis zu dem gebracht, wo man heute steht.

Na klar!

Diese Entwicklung ist traurig, da es die Gesamtentwicklung ausbremst. Jeder lernt von irgendwem. Bei Null zu beginnen ist, sagen wir es einmal nett, nicht besonders schlau. Es gibt immer (mindestens) zwei Sichten. Die der “Neuen” und die der “Alten”. Richtig ist im Zweifel keine davon. Ein Austausch ermöglicht es jedoch, langjährige Erfahrungen zu nutzen und das zu übernehmen, das man für nützlich hält. Verrückte neuen Ideen liefern Denkanstöße für etablierte Alte, deren Rückmeldung hierzu manchmal die notwendige Realitätsnähe für die Neuen.

Was oft nicht gesehen wird ist, dass jeder in der Kaffeebranche eine Entwicklung durchläuft. Radikalisiert springt man auf das Boot auf und kritisiert alles und jeden. Alles was man macht ist irgendwie extrem, einfach um anders zu sein, als alles was es schon gibt. Bei den hippen Röstereien bekommt man heute Kaffee, von dem man glauben könnte, er ist garnicht im Röster gewesen. Krass, wie intensiv die enzymatischen Aromen dabei rauskommen…

Yo!

Die Realität setzt dann ein, wenn man gezwungen ist zu akzeptieren, dass man Geld verdienen muss, um zu überleben. Der Kunde mag keine Extremisten und von Hipstern alleine kann man nicht leben. Verdammt, eine Sackgasse.

Ich habe in den vergangenen Monaten öfter den Austausch mit neueren Röstern gesucht, ein echter Dialog kam nicht zustande. Das ist schade. Mit zahlreichen anderen Röstern (alles Opas aus Deutschland, Europa und Amerika) ist das möglich und alle produzieren tolle Kaffees. Nicht alle für die gleiche Klientel, aber ist das wichtig? Jeder hat andere Ansätze, die Sichtweise des jeweils anderen einzunehmen hilft, diese zu verstehen. Im Austausch entwicklen sich viele neue Ideen und einige davon lassen sich in die eigene Identität integrieren.

In den letzten Monaten war ich verstärkt in der lokalen Szene in Frankfurt unterwegs. Neben den Gesprächen mit einigen Röstkollegen habe ich mich auf persönliche Gespräche konzentriert. Frankfurt hat eine tolle Kaffeeszene entwickelt, super Kaffees und zahlreiche Persönlichkeiten, viele davon echte Freunde. Diesen Austausch suche ich.

Einige Kollegen, einer davon ein lautstarker Hamburger (ja Tolga, Du bist gemeint), haben sich beschwert, dass hier nichts mehr los ist. Ich nehme den Fehdehandschuh auf und wage einen Anlauf. Ich freue mich über Kommentare zu diesem Beitrag und auf einen hoffentlich angeregten Austausch.

5 Comments

Posted By: Tolga On: January 15, 2016 At: 10:29 am

Hi Wolfram,
vielen Dank das Du Deinen Blog wieder aufgenommen hast.
Wolfredo.de war noch nie ein “ich war in diesem neuen Laden einen ganz tollen Kaffee trinken…” Bla-Blog, Du eckst mit Deinem Themen auch gerne mal an, bewußt, und förderst dadurch die Diskussion.

Wie auch hier wieder. I Like!

Diese Seite hat viele Baristi meiner Generation begleitet und für manches Aha-Erlebniss gesorgt. Es gab noch nicht viel Inhalt im Web auf Deutsch, Literarisch war das höchste der Gefühle Thomas Leeb und als sie 2007 an Start ging war Matthias Lincke Deutscher Baristameister mit einem Signiture Drink, der aus “Eiskalter Espresso mit verschiedenen Gewürzen auf weißer Schokolade und serviert mit einem Vanillepudding Muskat Sahnehäubchen” bestand!
Nur um zu verdeutlichen was sich seitdem getan hat.

Und es hat sich sehr viel getan, wir haben inzwischen in jeder größeren Stadt mehrere Läden / Röstereien, welche die speciality-Fahne hochhalten. Tolle Konzepte poppen überall aus dem Boden und mancher Orts wird der Markt sogar schon enger als der Hemdkragen von Matt Perger.
Mehr Wettbewerb lässt natürlich Alleinstellungsmerkmale wichtiger werden und so schreit langsam ein jeder immer lauter sein Angebot in die Welt hinaus, Baristi werden zu Jüngern der Marktschreier und Röstereien zu Kathedralen ihrer Kaffee-Philiosophie.
Einige sind sogar so überzeugt von Ihrer Arbeit, dass sie andere Sichtweisen nicht mehr akzeptieren und intolerant werden. Sie radikalisieren Kaffeezubereitung (ja, soweit sind wir), was ich persönlich ziemlich absurd finde und an Engstirnigkeit kaum zu übertreffen. Wir müssen nicht alles gut finden, aber wenn jemand grundsätzlich gute Arbeit leistet, sollte man sie nur aufgrund von Bohnenauswahl oder Röstgrad nicht diffamieren. (I said we don´t have to like everything, but shouldn´t diffame someones work just because of origin of the coffee ore roaststyle)

Das Fundament für Eure strahlenden Paläste ist eine Kaffeekultur, die hauptsächlich durch Austausch so schnell gewachsen ist.

Und so manch einer, der nun auch “seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat”, und die Scheiße mit Löffeln gefressen, hängt sich an einen der lauten Marktschreier und erklärt den Rest der Nation die Welt. Bitte Leute, krempelt erstmal Eure Hosen wieder herunter, stellt Euch auf beide Beine und lasst uns mal reden.

Each one teach one

Posted By: Benjamin On: January 15, 2016 At: 7:40 pm

Hi Wolfram
Danke für den neuen Blogpost. Das mit der Zeit teile ich völlig, ebenfalls als mehrfacher Vater und mit einem “ähem” Kaffeeblog an der Backe, kenne ich das Problem, das da ganze schnell mal 1 Jahr lang gar nichts passiert 🙁 .
Das mit dem Austausch habe ich allerdings erst im letzten Jahr mehr oder weniger ausnahmslos positiv erlebt. Als Teilnehmer der Deutschen Röstmeisterschaft habe ich z. B. im Vorfeld in Köln nach einer Rösterei mit einem Probat gesucht um dort mal ein “Gefühl” für den Röster zu entwickeln. Mit dem Röster der einzigen Rösterei in Köln die mit nem Probat arbeitet bin ich in Kontakt und da hätte ich vielleicht sogar auch mal rösten dürfen, da es sich aber um einen super schönen , aber auch super alten UG 22 handelt war das eher uninteressant. Also weitergesucht und die erste Anfrage hat gleich hingehauen und Bene von neuesschwarz hat mich an seinem nagelneuen Probat rösten lassen obwohl wir uns vorher persönlich noch nie gesehen haben. Das finde ich überhaupt nicht selbstverständlich, auch wenn ich es vermutlich selbst genauso machen würde.
Bei der Meisterschaft selbst war das ebenfalls ein sehr angenehmes “Miteinander” und mit den allermeisten mit denen ich mehr zu tun hatte gab es gute Gespräche und Austausch und ich hab da einiges mitgenommen und da war altersmäßig eigentlich alles dabei. Vielleicht hab ich mich natürlich auch nur mit den richtigen Leuten unterhalten 🙂

Posted By: wolfram On: January 16, 2016 At: 1:41 am

Hi Tolga,

ich denke auch, dass es die zunehmende Konkurrenz ist, die die Ausgangslage verändert. Insbesondere bei den Coffee-Shops verstehe ich das oft nicht. Auch wenn diese in der gleichen Stadt sind, sobald da einige hundert Meter Luftlinie dazwischen liegen, sind das unterschiedliche Universen. Man steht nicht wirklich in Konkurrenz, kann das aber ganz wunderbar in den sozialen Medien so erscheinen lassen. Die Konsumenten sozialer Medien sind aber nicht die Kerngruppe der Konsumenten, also ist der ganze Murks eigentlich fürn’ Fuß.

Posted By: wolfram On: January 16, 2016 At: 1:42 am

Hi Benjamin,

Du hast tatsächlich mit einigen Opas gesprochen und einige Omas werden auch dabei gewesen sein. 🙂

Posted By: Niels On: March 08, 2017 At: 10:37 am

Hallo Wolfram,
Konkurrenz belebt das Geschäft, so sagt man. Ich leite eine kleine Kaffeerösterei in Flensburg und hab in etwa einem km Entfernung eine weitere Rösterei als Mitbewerber. Das Wort Mitbewerber gefällt mir deutlich besser, da es den Kern viel mehr trifft. Jede Rösterei wirbt für Kaffee und jede Rösterei mehr weckt auch mehr Interesse bei den Kunden. Mein Mitbewerber Röster I.d.R. deutlich dunkler als ich es mache, dich würde ich gegenüber Kunden bitte auf die Idee kommen, ihn zu verunglimpfen. Wir sprechen unterschiedliche Kundenanforderungen an und das ist doch Mal richtig gut.
Ich gehöre zu den jüngeren Röstern und habe noch viel zu lernen. Dabei schaue ich viel im Internet und lese Fachbücher. Zu einem Austausch mit Kollegen kommt es derzeit leider zu selten, da ich aus Flensburg kaum weg komme. Frau und Kinder fordern mich neben den Job ausreichend. Da ich gerne dazu lerne und nie in den Glauben fest Strecke, ich wäre am Ende aller Weisheiten, nehme ich nur zu gerne die Ratschläge der “Opas” und auch anderer Kollegen an.
Du siehst, es gibt auch in der jüngeren Generation Kollegen, die nur zu gerne auf die Hinweise aus der Generation zuvor hören und wenn sinnvoll auch umsetzen.

Herzliche Grüße aus den hohen Norden
Niels

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